Flache Welt, flache Meinungen

14 04 2008

Es ist ja mittlerweile ein Gemeinplatz, dass die modernen Kommunikationstechnologien, zuvörderst natürlich das Internet, „die Welt flach machen“, d.h. Menschen vernetzen, Grenzen transzendieren, im übertragenen Sinne Berge versetzen und Mauern einreißen. In dieser Entwicklung liegt daher unter demokratietheoretischen Aspekten zumindest dem Grunde nach ein gewaltiges Legitimationspotential demokratisch verfasster Herrschaft, ermöglicht sie doch die umfassende Information aller Bürger, die Demokratisierung und Diffusion von Wissen, das zuvor nur für wenige vernetzte insider zugänglich war. Der deliberative Diskurs wird auf eine vollkommen neue, ungleich breitere Informationsgrundlage gestellt.

Betrachtet man jedoch die realiter zu verzeichnenden Auswüchse dieses Phänomens, kann einem mitunter schon mal etwas Angst und Bange werden. Denn es sind nicht nur Fakten und Tatsachen, die sich rasend schnell um den Globus verbreiten, sondern eben auch abstruse Verschwörungstheorien und der pure Hass, an dem man sich in den einschlägigen Zirkeln gegenseitig berauscht. Zwar gab es grandiose Spinnereien und abgründige Ressentiments schon immer. Doch während die mal mehr, mal weniger originellen Erklärungsversuche in der Vergangenheit kaum Widerhall erzeugten, da sie allenfalls und wenn überhaupt am Stammtisch geäußert, niemals aber ein wirklich größeres Publikum erreichten, findet sich heute stets eine größere Anzahl kongenialer Gegenparts im Netz.

Vergegenwärtigt man sich zudem, dass die Informationsfunktion des Internets in aller Regel nicht ergebnisoffen und vielschichtig, sondern stattdessen gezielt und meist ausschließlich innerhalb der jeweils passenden Nische genutzt wird, verwundert es nicht wirklich, dass sich die Teilnehmer der diversen Subdiskurse regelmäßig radikalisieren. Man feuert sich gegenseitig an, bestärkt sich in dem Glauben, entgegen der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung die einzig richtige Wahrheit gefunden zu haben und wird so zunehmend resistent gegen alle Fakten, die mit der vorgefassten Meinung kollidieren könnten.

Dieses Phänomen lässt sich über das gesamte politische Spektrum verstreut beobachten – it’s a big internet, und Verfechter der reinen Lehre und verbohrte Glaubenskrieger finden sich dementsprechend überall. In der Folge geht der Sinn für das tatsächlich Machbare meist ebenso verloren wie jede Form von Verhältnismäßigkeit und kritischer Reflexion. Im Ergebnis darf es daher nicht weniger als die – wahlweise libertäre, konservative, kommunistische – Revolution sein, so dass jede Gegenmeinung, und sei sie auch vermittelnd, automatisch als reaktionär, faschistisch, staatsgläubig zu brandmarken ist.

Nun muss eine freiheitliche Demokratie selbstverständlich auch solche Auswüchse aushalten. Ansonsten gäbe sie sich schlechterdings selbst auf. Aus der in jedem Fall schützenswerten Meinungsfreiheit als solcher folgt indes nicht, dass jede Meinung auch inhaltlich wertvoll ist. Dies führen einem z.B. die Ergüsse einiger selbsternannter „freien Redakteure, Journalisten und Sozialaktivisten“ sehr eindrucksvoll vor Augen, die konsequent aber schmerzfrei und bar jeder historischen Scham feststellen:

Hartz IV an sich ist ein faschistoides (Ermächtigungs-) Gesetz

Da nimmt es dann auch kaum Wunder, dass dieser Sozialaktivist noch ein paar andere Leckerbissen in seiner Internetvita aufweist. Denn wer Hartz IV-Empfänger, so misslich deren individuelle Lage mitunter auch sein mag, allen Ernstes mit Opfern der NS-Herrschaft vergleicht, für den ist es auch ein Leichtes,  9/11 dem „US Terror“ zuzurechnen und die RAF als Inszenierung des Verfassungsschutzes zu enttarnen.





Nun dann…

12 04 2008

… and so our little story unfolds…








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